Interview Thimo Holst (it-sa): Cybersecurity im KI-Zeitalter: Wettlauf & Resilienz

Dunja Koelwel  |
Thimo Holst

Interview Thimo Holst (it-sa): Cybersecurity im KI-Zeitalter: Wettlauf & Resilienz.

Das Thema Künstliche Intelligenz dominiert die Cybersicherheitsbranche und verändert das Tempo im Wettlauf zwischen Angreifern und Verteidigern radikal. Im Vorfeld der it-sa spricht Thimo Holst, Head of Brand Strategy der it-sa Expo&Congress, bei der NürnbergMesse Group,  im Interview über den gezielten Einsatz von KI, die Vereinbarkeit von Resilienz und digitaler Souveränität sowie die Notwendigkeit, Cybersecurity als ganzheitliche Managementaufgabe zu verstehen. Welche Kernkompetenzen müssen Unternehmen jetzt etablieren, um künftigen Bedrohungen standzuhalten?

Zusammenfassung (TL; DR):

  • Das Interview mit Thimo Holst verdeutlicht, dass Künstliche Intelligenz die Dynamik und Intensität im Wettlauf zwischen Cyber-Angreifern und Verteidigern massiv beschleunigt.
  • Während KI vor allem Routineaufgaben automatisieren und Fachkräfte entlasten kann, bleibt der Mensch für strategische Entscheidungen und Risikobewertungen unverzichtbar.
  • Um Bedrohungen wie NIS2-Vorgaben oder Quantentechnologien zu begegnen, müssen Unternehmen Cybersecurity als ganzheitliche Managementaufgabe über Sektorengrenzen hinweg etablieren.

Die Evolution von KI in der Cybersecurity

Das Thema Künstliche Intelligenz beherrscht die Branche. Welche konkreten Entwicklungssprünge erwarten Sie beim Einsatz von KI im kommenden Jahr – sowohl aufseiten der Verteidiger als auch bei den Angreifern?

Thimo Holst: Wir beobachten, dass KI mittlerweile in nahezu allen Wirtschaftsbereichen dort eingesetzt wird, wo es um Automatisierung, Skalierung, Mustererkennung und die Bewältigung von Routineaufgaben geht. Die Cybersicherheitsbranche unterscheidet sich hier zunächst nicht grundlegend von anderen Branchen.

Die Besonderheit liegt allerdings darin, dass sowohl KI als auch Cybersecurity im Kern IT-Themen sind. Dadurch ergeben sich besonders vielfältige Einsatzmöglichkeiten. KI kann Sicherheitsvorfälle schneller erkennen, große Datenmengen effizient auswerten und Reaktionsprozesse automatisieren. Gleichzeitig nutzen aber auch Angreifer dieselben technologischen Möglichkeiten, um ihre Aktivitäten zu beschleunigen und professioneller zu gestalten.

Der grundsätzliche Wettlauf zwischen Angriff und Verteidigung bleibt also bestehen. Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit und Dynamik dieses Wettbewerbs. Das eigentliche Problem wird durch KI nicht neu geschaffen, aber in seiner Intensität deutlich verstärkt. Gleichzeitig sehen wir erfreulicherweise, dass viele Anbieter KI sehr gezielt einsetzen, um Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und Sicherheitsmaßnahmen wirksamer zu machen.

Kann KI den Fachkräftemangel abfedern?

Thimo Holst: KI wird vor allem dort unterstützen, wo heute noch viele personelle Ressourcen für Routineaufgaben, Standardanalysen oder skalierbare Prozesse benötigt werden. In diesen Bereichen kann sie Unternehmen erheblich entlasten.

Trotzdem glaube ich nicht, dass sich der Faktor Mensch aus der Gleichung herausnehmen lässt. Cybersicherheit darf nicht zu einem Wettlauf Maschine gegen Maschine werden. Die Verantwortung für den Einsatz von KI, die Bewertung von Risiken und letztlich die strategischen Entscheidungen werden auch künftig bei Menschen liegen.

Was sich allerdings verändert, ist das Anforderungsprofil der Fachkräfte. Fähigkeiten, die heute stark operativ geprägt sind, werden sich teilweise in Richtung Steuerung, Bewertung und strategischer Nutzung von KI entwickeln. Die Fachkräfte der Zukunft werden möglicherweise weniger Zeit mit einzelnen technischen Tätigkeiten verbringen und stärker darauf fokussiert sein, KI wirksam und verantwortungsvoll in Sicherheitsprozesse einzubinden.

Digitale Souveränität, Cloud und der regulatorische Druck (NIS-2)

Digitale Souveränität oder Resilienz – worauf kommt es jetzt an?

Thimo Holst: Ich halte die Gegenüberstellung für problematisch, weil digitale Souveränität und Resilienz keine Gegensätze sind. Dennoch braucht es einen realistischen Blick auf die zeitlichen Dimensionen.

Digitale Souveränität, insbesondere auf europäischer Ebene, ist kein Ziel, das sich innerhalb weniger Jahre vollständig erreichen lässt. Die heute dominierende IT- und Softwarelandschaft hat sich über Jahrzehnte entwickelt. Der Aufbau souveräner Alternativen erfordert nicht nur Softwarelösungen, sondern auch Infrastruktur, Rechenkapazitäten, Ökosysteme und entsprechende Marktstrukturen.

Resilienz lässt sich hingegen deutlich schneller stärken. Unternehmen sollten deshalb die heute verfügbaren Lösungen nutzen, um ihre Widerstandsfähigkeit kurzfristig zu erhöhen, statt auf die perfekte souveräne Lösung zu warten. Gleichzeitig sollte jede Organisation prüfen, wo sich Abhängigkeiten schrittweise reduzieren und souveränere Alternativen integrieren lassen.

Mein Eindruck ist deshalb: Resilienz ist die kurzfristige Aufgabe, Souveränität das langfristige strategische Ziel.

NIS2 und regulatorische Anforderungen überfordern viele Unternehmen. Welche Impulse sehen Sie?

Thimo Holst: Zunächst einmal machen die neuen regulatorischen Anforderungen deutlich, dass Cybersicherheit längst eine Managementaufgabe geworden ist. Genau das spiegeln auch Vorgaben wie NIS2 wieder, die ausdrücklich Verantwortung auf Unternehmens- und Führungsebene verankern.

Dass viele Unternehmen angesichts der Anforderungen zunächst eine gewisse Überforderung empfinden, kann ich nachvollziehen. Gleichzeitig sehe ich heute deutlich bessere Unterstützungsangebote als noch vor wenigen Jahren. Beratungsunternehmen, Sicherheitsanbieter, Verbände und Behörden haben umfangreiche Hilfestellungen entwickelt, um die Anforderungen verständlicher und umsetzbarer zu machen.

Besonders wichtig ist dabei die Rolle des BSI, das frei zugängliche Informationen, Handreichungen und Orientierungshilfen bereitstellt. Dadurch ist der Zugang zum Thema deutlich einfacher geworden. Aus meiner Sicht sollte die aktuelle Situation deshalb weniger als Belastung verstanden werden, sondern vielmehr als Chance, Cybersicherheit systematisch und nachhaltig im Unternehmen zu verankern.

Professionalisierte Cyberkriminalität & Neue Angriffsvektoren

Welche neuen Angriffsvektoren müssen Unternehmen beachten?

Thimo Holst: Klassische Bedrohungen wie Phishing, Ransomware oder Angriffe auf Lieferketten werden uns weiterhin beschäftigen. Ich gehe nicht davon aus, dass diese Angriffsmethoden verschwinden. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie stark sie sich durch neue Technologien weiterentwickeln.

Insbesondere der Einsatz von KI erhöht die Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und teilweise auch die Qualität von Angriffen. Gleichzeitig müssen Unternehmen sicherstellen, dass sie auf Verteidigungsseite mit dieser Entwicklung Schritt halten können.

Darüber hinaus gewinnt das Thema Quantentechnologie zunehmend an Bedeutung. Schon heute wird diskutiert, ob Angreifer Daten speichern, die aktuell noch nicht entschlüsselt werden können, mit der Erwartung, sie in einer zukünftigen Quantencomputer-Umgebung auszuwerten. Je näher der praktische Einsatz leistungsfähiger Quantentechnologien rückt, desto stärker wird auch dieses Szenario in den Fokus von Unternehmen geraten.

Welche Kernkompetenz oder Technologie sollten Unternehmen jetzt etablieren?

Thimo Holst: Wenn ich nur eine Fähigkeit nennen müsste, dann wäre es die Kompetenz, Cybersicherheit ganzheitlich zu betrachten.

Im Cyberraum existieren viele der Grenzen nicht, die wir aus der physischen Welt kennen. Zwischen Unternehmen, Behörden, kritischer Infrastruktur, privaten Anwendern und öffentlichen Einrichtungen bestehen vielfältige digitale Verbindungen. Über genau diese Verbindungen können sich Risiken und Angriffe sehr schnell ausbreiten.

Deshalb reicht es nicht mehr aus, Cybersecurity als reines IT-Thema zu verstehen. Die Fähigkeit, Auswirkungen über Abteilungs-, Unternehmens- und sogar Sektorengrenzen hinweg zu erkennen und zu bewerten, wird immer wichtiger.

Wir sehen aktuell zahlreiche Beispiele hybrider Bedrohungen, bei denen digitale Angriffe Teil größerer strategischer Konflikte sind. Daraus ergibt sich eine zentrale Erkenntnis: Ein vermeintlich kleines IT-Sicherheitsproblem kann unter Umständen erhebliche Auswirkungen auf Geschäftsprozesse, Lieferketten oder sogar gesellschaftliche Strukturen haben.

Die wichtigste Kompetenz ist daher aus meiner Sicht die Fähigkeit, Cybersicherheit konsistent und ganzheitlich zu denken und entsprechend über alle Ebenen einer Organisation hinweg zu steuern. Das ist anspruchsvoll, aber genau darin wird künftig der entscheidende Unterschied liegen.

 

 

 

Häufige Fragen (FAQ)

Kann KI den Fachkräftemangel in der Cybersecurity komplett lösen?

Nein, KI entlastet zwar bei Routineaufgaben, aber der Mensch bleibt für strategische Entscheidungen und Risikobewertungen unverzichtbar.

Was ist aktuell wichtiger: digitale Souveränität oder Resilienz?

Resilienz hat kurzfristig Priorität zur schnellen Absicherung, während digitale Souveränität das langfristige, strategische Ziel bleibt.

Was ist die wichtigste Kernkompetenz für Unternehmen?

Die Fähigkeit, Cybersicherheit ganzheitlich als Managementaufgabe zu verstehen und über Abteilungs- und Sektorengrenzen hinweg zu steuern.

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