KI & Cyberabwehr: Bundestagsvizepräsidentin im Interview

Koelwel Dunja  |
Andrea Lindholz

KI & Cyberabwehr: Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz im Interview.

Als Vorsitzende der IuD-Kommission leitet Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz die umfassende Digitalisierung des Parlaments. Im Gespräch beleuchtet die Innenpolitikerin die gravierenden Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die nationale Cybersicherheitslage von Unternehmen und Behörden. Neben den konkreten Schutzmaßnahmen für die parlamentarische Infrastruktur nimmt sie dabei auch Stellung zur Reform der deutschen Sicherheitsarchitektur. Auch die Zusammenarbeit mit dem neuen Digitalministerium ist wichtig.

Zusammenfassung (TL; DR):

  • Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz betont die Notwendigkeit, die parlamentarische Infrastruktur durch ganzheitliche Sicherheitsansätze. Dazu gehören kontinuierliche Penetrationstests und KI-Schulungen ab Herbst 2026 gegen wachsende digitale Bedrohungen abzusichern.
  • Angesichts hochentwickelter KI-Modelle wie „Claude Mythos“, die Schwachstellen autonom ausnutzen können, fordert sie eine stärkere Zentralisierung der fragmentierten deutschen Sicherheitsarchitektur. Zudem fordert sie den Ausbau der rechtlichen sowie technischen Befugnisse des BSI.
  • Für wirksame Cyberabwehr setzt sie zudem auf eine enge Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsressorts und dem Digitalministerium unter Karsten Wildberger.

Regulatorische & strategische Fragen

Der Bundestag digitalisiert sich gerade unter Ihrer Federführung (Kommission des Ältestenrates für Informationstechnologie und Digitalisierung). Welche IT-Sicherheitsstandards legen Sie für die parlamentarische Infrastruktur selbst an, gerade nach früheren Hackerangriffen auf den Bundestag?

Andrea Lindholz: Wir verfolgen einen ganzheitlichen Sicherheitsansatz, der auf dem Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung basiert. Ein zentraler Bestandteil sind regelmäßige, tiefgreifende Penetrationstests. Über deren Ergebnisse informieren wir unsere Kommission und das fließt unmittelbar in die Optimierung unserer Infrastruktur ein. Darüber hinaus werden die Vorgaben aus der NIS-2-Richtlinie sowie die Zeitspanne zwischen der Erkennung und der Behebung von Sicherheitsvorfällen (Mean Time to Recover) ausgewertet.

Außerdem steht für mich die Schulung von Mitarbeitern sowie natürlich der Abgeordneten im Vordergrund. Dementsprechend werden auch ab Herbst 2026 diverse Schulungsmöglichkeiten im Rahmen der Einführung von KI für Abgeordnetenbüros und die Bundestagsverwaltung angeboten.

Braucht Deutschland eine zentrale Cyber-Sicherheitsbehörde nach Vorbild anderer Staaten, oder bewährt sich die föderale Sicherheitsarchitektur mit BSI, BKA, BfV und Länderbehörden auch im digitalen Raum?

Andrea Lindholz
Seit 2013 ist Andrea Lindholz Mitglied des Deutschen Bundestages. In den letzten Jahren lag ihr Fokus auf der Innenpolitik, unter anderem 2017-2021 als Vorsitzende des Ausschusses für Innen und Heimat, Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums und von 2021 bis 2025 als stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagesfraktion. Im März 2025 wurde sie zur Bundestagsvizepräsidentin gewählt. (Fotograf: Timo Raab)

Andrea Lindholz: Die digitale Bedrohungslage hat sich fundamental gewandelt. Wir stehen heute nicht mehr nur vor einzelnen Hackerangriffen, sondern vor einer systematischen, staatlich gelenkten Cyber-Aggression. In dieser neuen Realität war die föderale Sicherheitsarchitektur in Deutschland – so wertvoll sie in der analogen Welt ist – im digitalen Raum oft zu träge und zu fragmentiert. Deshalb wurde das BSI in den  vergangenen Jahren immer weiter gestärkt. Mit dem Gesetz zur Stärkung der Cybersicherheit, das aktuell im Deutschen Bundestag beraten wird, bauen wir die zentrale Koordinierungsfunktion des BSI weiter aus. So versetzen wir Sicherheitsbehörden in die Situation, dass sie das, was sie heute technisch können, auch rechtlich sicher anwenden können.

In diesem Zusammenhang ist aus meiner Sicht auch die Ausweitung der Befugnisse des Bundesnachrichtendienstes durch die bevorstehende Reform ein wichtiger ergänzender Schritt.

Im Bundestag tauscht sich unser Referat IT-Sicherheit regelmäßig sowohl bilateral als auch gemeinsam mit BSI, BKA und BfV aus. Dabei werden aktuelle Hinweise und IT-sicherheitsrelevante Themen offen und auf kurzem Wege ausgetauscht. Dies ermöglicht es uns, schnell auf etwaige Bedrohungen zu reagieren.

Technologische Fragen & KI

Wo sehen Sie als Innenpolitikerin die größte Gefahr durch KI-gestützte Cyberangriffe – für Unternehmen, für Behörden oder für die politische Willensbildung selbst?

Andrea Lindholz: Für den Deutschen Bundestag steht die Sicherheit an erster Stelle. Die Berichterstattung rund um das Modell Claude Mythos des Unternehmens Anthropic hat gezeigt, welche Fähigkeiten moderne Modelle bereits jetzt besitzen. So hat das Modell Sicherheitslücken in zahlreichen Anwendungen gefunden und entsprechende Exploits entwickelt, um diese auszunutzen.

Solche mächtigen Modelle in den Händen von Cyberkriminellen oder von ausländischen Nachrichtendiensten erlauben es, automatisiert schnellere und breitere Angriffskampagnen durchzuführen. Ergänzt durch die genannten Deepfakes für das Social-Engineering, ergeben sich enorme Gefahren für Unternehmen und Behörden. Dem kann nur begegnet werden, indem man die Sicherheitsbehörden in die Lage versetzt, solche Angriffe frühzeitig zu erkennen und abzuwehren. Dem kommt die Bundesregierung mit der geplanten Nachrichtendienstreform bereits nach. Darüber hinaus macht das BSI bereits aktiv auf die Gefahren aufmerksam und gibt Handlungsempfehlungen für Unternehmen und Behörden. Wichtig ist es, die Angriffsfläche zu minimieren und die Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen.

Operative Fragen & Umsetzung

Die Bundesregierung hat einen neuen Digitalminister (Karsten Wildberger) – wo sehen Sie aus Ihrer Rolle im Präsidium die wichtigsten Schnittstellen zwischen Digitalministerium und den klassischen Sicherheitsressorts?

Andrea Lindholz: Aus meiner Sicht ist die Einrichtung eines Digitalministeriums ein absolut richtiger Schritt gewesen. Es ermöglicht eine strategische Bündelung von Kompetenzen, die über die reine Gefahrenabwehr hinausgeht. Wir sehen diesen Trend auch international. Die IuD-Kommission steht in einem sehr guten Austausch mit dem Digitalminister, insbesondere zu den Themen Cloudanbieter, sichere Messenger und Künstliche Intelligenz.

Während die Sicherheitsressorts primär den Schutz und die Abwehr fokussieren, kann das Digitalministerium eine gestaltende, zukunftsorientierte Rolle einnehmen. Es geht darum, die digitale Souveränität zu stärken und gleichzeitig den Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger zu maximieren. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Entwicklung der EUDI-Wallet.

 

Häufige Fragen (FAQ)

Wie schützt sich der Deutsche Bundestag aktuell vor den zunehmenden Hackerangriffen?

Der Bundestag verfolgt einen ganzheitlichen Sicherheitsansatz, der auf kontinuierlicher Verbesserung, tiefgreifenden Penetrationstests und der Einhaltung der NIS-2-Richtlinie basiert. Zudem setzt das Parlament stark auf die Aufklärung der Betroffenen und bietet ab Herbst 2026 spezielle KI-Schulungen für Abgeordnetenbüros und die Bundestagsverwaltung an.

Warum stößt die klassische, föderale Sicherheitsarchitektur im digitalen Raum an ihre Grenzen?

Die digitale Bedrohungslage hat sich zu einer systematischen, staatlich gelenkten Cyber-Aggression entwickelt, für die die bestehenden föderalen Strukturen oft zu träge und fragmentiert sind. Aus diesem Grund wird die zentrale Koordinierungsfunktion des BSI durch das neue Gesetz zur Stärkung der Cybersicherheit massiv ausgebaut, um Angreifer effektiver abzuwehren.

Welche konkrete Gefahr geht von hochentwickelten KI-Modellen wie „Claude Mythos“ aus??

Moderne Frontier-Modelle können Programmiercode autonom in kürzester Zeit nach Schwachstellen durchsuchen und direkt funktionierende Exploits für Angriffe liefern. In den Händen von Cyberkriminellen oder ausländischen Geheimdiensten ermöglicht dies blitzschnelle, breit gestreute und automatisierte Angriffswellen auf Behörden und Unternehmen.

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