Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda der Bundeswehr.
Die Bundeswehr wird digitaler – das steht angesichts wachsender Anforderungen außer Frage. Erst wenn Verwaltungsabläufe Ende-zu-Ende digitalisiert sind, lassen sie sich auch umfassend automatisieren und dadurch nochmals erheblich beschleunigen. Sprich nach dem Projekt oder einem MLP (Minimal Loveable Product) sollte man immer eine weitere Wirkungssteigerung gleich mit andenken. Insbesondere KI kann dabei eine unschätzbare Hilfe sein – in seiner „Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda“ widmet das Bundesministerium der Verteidigung dem Thema ein ganzes Kapitel.
Zusammenfassung (TL; DR):
- Für eine erfolgreiche Digitalisierung der Bundeswehr reicht das bloße Digitalisieren alter Abläufe nicht aus. Verkrustete Prozesse sind zuerst mutig zu entschlacken und grundlegend zu optimieren.
- Um Kontrollverluste im militärischen Umfeld zu verhindern, muss der Mensch als Human-in-the-Lead die KI steuern und alle Entscheidungen über ein systemisches Regelwerk transparent und nachvollziehbar bleiben.
- Die Zusammenarbeit von KI-Systemen erfordert eine separate Orchestrierungsschicht, die Aufgaben und Governance-Regeln zentral steuert, statt sie unübersichtlich in den einzelnen Agenten zu verbauen.
Wie lassen sich die Prozesse bei der Bundeswehr verbessern?
Ein Fehler wäre es allerdings, die bestehenden Prozesse nun einfach digital abzubilden und KI oder RPA darauf loszulassen. Denn ein schlechter Prozess ist nicht plötzlich besser, nur weil ein neues System ihn schneller ausführt. Das führt meist „nur“ zur Verschiebung des sogenannten Flaschenhals an eine andere Stelle, während das volle Potenzial ungehoben bleibt.
Am Anfang sollte unbedingt die Frage stehen, wie sich ein Prozess sinnvoll verbessern lässt. Damit ist gemeint, ob beispielsweise unzählige Freigabeschleifen wirklich notwendig sind und ob man jede Freigabe tatsächlich abwarten sollte, auch wenn der Entscheidungsträger urlaubs- oder krankheitsbedingt ausfällt und bislang meist nur die Entscheidungen untergeordneter Instanzen bestätigt hat. Selbstverständlich braucht es Mut, Prozesse zu entschlacken und auf einige Regeln, Prüfungen und Freigaben zu verzichten, doch letztlich ist Automatisierung erst dann richtig gut, wenn man diese Diskussionen führt. Das mag anstrengend sein, weil alle Beteiligten – von Fachspezialisten und Bedarfsträgern bis hin zu Entwicklern und IT-Experten – in sogenannten Fusion Teams zusammenarbeiten müssen und dabei nicht immer dieselbe Sprache sprechen, lohnt aber, insbesondere langfristig.
KI als Allheilmittel?
Zugegebenermaßen ist es nicht immer leicht, der Verlockung zu widerstehen, direkt mit der Umsetzung zu beginnen – gerade, weil das mit modernen Tools, die vielfach KI nutzen, unglaublich einfach ist. Das Ergebnis von reinen Schnellschüssen ist aber meist suboptimal, weil allenfalls ein Teilprozess schneller läuft oder einzelne Fachspezialisten entlastet werden. Für die Gesamtorganisation bleibt der Nutzen indes überschaubar, da beispielsweise Medienbrüche oder Freigaben an anderer Stelle den Prozess weiterhin ausbremsen. Immerhin: Auch bei der Ideenfindung, wie sich Prozesse verbessern lassen und wie sie optimal gestaltet sein sollten, können KI-Tools inzwischen sehr gut unterstützen – und die entwickelten Workflows anschließend rasch in digitale Anwendungen überführen.
Dabei darf die Automatisierung aber nicht zu einem Kontrollverlust führen – sämtliche Abläufe und Entscheidungen gerade im Umfeld Defense müssen transparent, nachvollziehbar und reproduzierbar sein. Für die KI heißt das, sie darf nicht als Blackbox agieren und muss bei identischer Datenlage konsistente Ergebnisse liefern. Die sorgfältige Auswahl des Modells ist hier nicht alleine entscheidend, zusätzlich braucht es ein übergeordnetes Regelwerk (systemisch nicht auf Papier), das sicherstellt, dass alle Aktionen standardisiert und nachprüfbar durchgeführt werden. Das ist nicht zuletzt wichtig, um das Vertrauen in Automatisierung und KI zu stärken und den Menschen als Rückfallebene zu erhalten, denn nur wer den Prozess und Entscheidungskriterien versteht, kann bei Störungen einspringen.
Mensch als entscheidender Faktor
Überhaupt bleibt der Mensch auch bei automatisierten Abläufen ein entscheidender Faktor – nicht nur als Human-in-the-Loop, der KI-Entscheidungen prüft und gegebenenfalls korrigiert. Für kritische Entscheidungen ist dieser nachgelagerte Ansatz ungeeignet, notwendig ist ein Human-in-the-Lead, der die KI steuert und ihren Handlungsspielraum absteckt – quasi die linke und rechte Grenze des zulässigen Verhaltens definiert. An festgelegten Interventionspunkten kann er eingreifen, besonders kritische Entscheidungen trifft er selbst, wobei ihn die KI unterstützt, indem sie Informationen aufbereitet, Optionen erklärt und Handlungsempfehlungen liefert.
Insbesondere wenn KI-Systeme beziehungsweise KI-Agenten zusammenarbeiten, kommt es auf eine filigrane Orchestrierung an: Wer übernimmt welche Aufgabe? Welche Informationen werden ausgetauscht? Wer überprüft Zwischenergebnisse und das finale Resultat? Was passiert bei Fehlern? Und in welchen Situationen sollte ein Mensch involviert werden? All das ließe sich zwar in die Agenten einbauen, wird dann aber schnell unübersichtlich, inkonsistent und in der Pflege aufwendig. Besser aufgehoben sind die Regeln in einer separaten Orchestrierungsschicht – schließlich soll die Automatisierung von Prozessen auch zu einer Vereinfachung führen.
Keine Automatisierung um jeden Preis
Statt Automatisierung um jeden Preis und Fokus auf die Technologien sollten also intelligent optimierte und orchestrierte Entscheidungsprozesse angestrebt werden, in denen menschliche Urteilskraft, KI, Regeln und Governance zusammenwirken, damit die Bundeswehr zu jeder Zeit verantwortungsvoll agieren kann und auch in Krisensituationen handlungsfähig bleibt.
Häufige Fragen (FAQ)
Ein schlechter Prozess wird dadurch nicht besser, sondern verschiebt den Flaschenhals nur an eine andere Stelle.
Der „Human-in-the-Loop“ prüft Ergebnisse erst im Nachgang, während der Human-in-the-Lead die KI aktiv steuert und ihre Grenzen vorab definiert.
Weil der direkte Einbau in die einzelnen KI-Agenten die Systeme schnell unübersichtlich, inkonsistent und wartungsintensiv macht.



