Gefährlich genial: KI macht jetzt, was sie will

Agentic AI

Agentic AI: Große Produktivität mit hohem Risiko.

Künstliche Intelligenz ist in vielen Unternehmen bereits angekommen und entwickelt sich zu einer neuen operativen Ebene digitaler Arbeit. Agentische KI markiert dabei einen neuen Wendepunkt: Die unabhängigen Assistenten liefern nicht mehr nur Antworten, sondern können selbstständig Aufgaben ausführen, Daten abrufen, Programme bedienen oder Code starten. Dies verspricht hohes Produktivitätspotenzial, zugleich wächst die Angriffsfläche enorm. Und was die KI startet, findet in der eigenen IT statt. So genial agentische KI ist, so gefährlich kann sie ohne klare Richtlinien werden.

Zusammenfassung (TL; DR):

  • Agentische KI steigert die Produktivität durch eigenständige Aufgabenbearbeitung, birgt jedoch durch Schatten-KI, manipulierte Erweiterungen und automatisierte Angriffe enorme Sicherheitsrisiken für Unternehmen.
  • Die unkontrollierte Nutzung von KI-Agenten auf Arbeitsrechnern kann zu massiven Datenpannen und der Ausführung von Schadcode führen.
  • Eine sichere Implementierung erfordert daher klare Richtlinien, Mitarbeiterschulungen sowie technische Schutzmaßnahmen wie Container-Isolierung und KI-gestützte Abwehrsysteme.

Insbesondere der Druck, KI schnell zu implementieren, birgt die Gefahr, dass die Beteiligten Sicherheitsvorkehrungen, Governance und Datenschutz vernachlässigen, was massive Datenpannen und Sicherheitsverstöße zur Folge haben kann. Für die Verantwortlichen der IT-Sicherheit ist es deshalb grundlegend, den Gefahren von unautorisierten Tools und Prozessen mit Richtlinien und Sicherheitsmaßnahmen zu begegnen.

Zwischen offizieller und Schatten-KI

Viele Unternehmen erlauben inzwischen den Einsatz bestimmter KI-Dienste über vertraglich geregelte Business-Zugänge. Dort ist zumindest teilweise definiert, wie eingegebene Daten verarbeitet, gespeichert oder vom Training ausgeschlossen werden. Parallel dazu entsteht jedoch Schatten-KI. Mitarbeitende nutzen private Accounts, kostenlose oder nicht empfohlene Tools sowie KI-Funktionen in Anwendungen, ohne dass IT-Betrieb, Sicherheit oder Compliance davon wissen. Bisweilen ist nicht einmal den Nutzern selbst bewusst, dass eine Anwendung im Hintergrund KI einsetzt. Vertrauliche Informationen übermitteln die Agenten dann etwa unkontrolliert an externe Systeme.

Die Risiken der agentischen KI werden auf dem eigenen Rechner Wirklichkeit

Infografik aus dem Bitdefender 2026 Cybersecurity Assessment zu KI-Szenarien, die Befragte als extremes Risiko einstufen. Jeweils 23 Prozent nennen Angreifer, die mit KI selbstverändernde Malware erzeugen, und Mitarbeitende, die sensible Daten in öffentliche LLMs eingeben. Deepfakes und Stimmklone für Betrug oder BEC-Angriffe sehen 21 Prozent als extremes Risiko. Je 18 Prozent fürchten unkontrollierte Schatten-KI-Tools und KI-gestützte Techniken, die klassische EDR-Signaturen umgehen.
Nicht nur KI-Agenten sind eine enorme Gefahr. Sicher tragen auch sie dazu bei, dass rund jeder fünfte weltweit von Bitdefender befragte IT-Professionelle KI-Cybersicherheitsszenarien als extrem gefährlich einschätzt. (Quelle: Bitdefender 2026 Cybersecurity Assessment. Umfrage unter rund 1.200 IT- und IT-Sicherheitsprofessionellen, darunter auch in Deutschland.)

Während klassische LLMs auf Eingaben reagieren, gehen KI-Agenten einen Schritt weiter. Sie erhalten Zugriff auf Werkzeuge, Dateien, Browser, E-Mail-Postfächer oder lokale Systeme. Bildlich gesprochen bekommt die KI virtuelle Hände. Ein Agent kann Daten suchen, Prozesse anstoßen, Skripte ausführen oder mit anderen Systemen interagieren. Wird er kompromittiert oder falsch konfiguriert, kann der Schaden erheblich sein. Besonders kritisch ist es, wenn Agenten auf Unternehmensgeräten laufen. Haben sie Zugriff auf Netzlaufwerke, interne Systeme oder sensible Dokumente, wird ein eigentlich produktivitätsorientiertes Tool schnell zum Einfallstor für Gefahren.

Die Gefahr durch Erweiterungen und Skills

Ein weiteres Risiko entsteht durch Community-Erweiterungen. Offene Agentensysteme erlauben häufig das Nachladen sogenannter Skills oder Plugins. Diese bringen dem Agenten neue Fähigkeiten bei, etwa E-Mails auszuwerten, Rechnungen zu analysieren oder Informationen aus bestimmten Quellen zu verarbeiten. Doch manipulierte Erweiterungen können Schadcode enthalten, Daten abgreifen oder verdeckt Aktionen ausführen.

So besteht zum Beispiel beim KI-Agenten OpenClaw das Risiko durch kostenlose Open-Source-Skills, über die Angreifer bösartigen Code einschleusen, der dann mit vollen Zugriffsrechten im Heim- oder Firmennetzwerk ausgeführt wird. Für Organisationen ist dies besonders gefährlich, denn wenn ein Mitarbeiter OpenClaw auf dem Arbeitsrechner installiert, erhält das Tool Zugriff auf alle verbundenen Netzwerklaufwerke und proprietäre Geschäftsdaten. Aufgrund der Risiken sind bereits Varianten wie NanoClaw oder PicoClaw entstanden, die in isolierten Containern laufen, um den Zugriff auf das restliche System zu verhindern. Container, Sandboxing und eingeschränkte Rechte können helfen, das Risiko durch KI-Agenten zu reduzieren. Vollständig gelöst ist das Problem jedoch nicht.

Zudem erstellt OpenClaw eine Datei namens soul.nd, die ein Profil des Nutzers speichert. Darin werden Vorlieben, Verhaltensweisen und sogar emotionale Zustände wie Introvertiertheit oder Ängstlichkeit festgehalten. Diese Daten sind in der Masse für staatliche Akteure extrem wertvoll für gezielte Propaganda.

Angriffe auf breiter Front in Maschinengeschwindigkeit

Infografik aus dem Bitdefender 2026 Cybersecurity Assessment zur Frage, wie gut Unternehmen die KI-Nutzung ihrer Mitarbeitenden überblicken. Volle Sichtbarkeit inklusive Browser-Erweiterungen und API-Aufrufen geben 51,8 Prozent an, teilweise Sichtbarkeit ohne Einblick in private Schatten-KI-Konten 44,8 Prozent und keine Sichtbarkeit 2,5 Prozent. Eine Ländertabelle zeigt die höchste volle Sichtbarkeit in den USA mit 63 Prozent und in Großbritannien mit 58 Prozent. Deutschland liegt bei 52 Prozent voller, 43 Prozent teilweiser und 4 Prozent keiner Sichtbarkeit, während Frankreich mit 56 Prozent den höchsten Anteil teilweiser Sichtbarkeit aufweist.
Auch KI-Agenten können unsichtbar bleiben. Laut Bitdefender 2026 Cybersecurity Assessment weiß fast die Hälfte der befragten Studienteilnehmer nicht, welche KI-Tools im Unternehmen eingesetzt werden. Auch KI-Agenten können also unbemerkt bleiben. (Quelle: Bitdefender 2026 Cybersecurity Assessment. Umfrage unter rund 1.200 IT- und IT-Sicherheitsprofessionellen, darunter auch in Deutschland.)

Das vielleicht größte Problem sind Geschwindigkeit und Hebelwirkung. KI-Agenten können Aufgaben automatisiert und skalierbar ausführen. Das gilt für legitime Arbeit ebenso wie für Angriffe. Cyberkriminelle können Agenten nutzen, um Systeme zu scannen, Zugangsdaten zu verwerten, interne Informationen zu priorisieren oder weitere Angriffsschritte vorzubereiten. Darüber hinaus entsteht mittlerweile ein kriminelles Ökosystem, in dem Agenten ihrerseits mit Agenten ohne jegliches menschliches Eingreifen miteinander kommunizieren. So wurde zum Beispiel beobachtet, wie Agenten aus kompromittierten Unternehmen erbeutete Login-Daten wiederum an andere verkauften – alles in Maschinengeschwindigkeit. Bis ein Mensch reagiert, wurden Login-Daten bereits automatisiert gestohlen, verkauft und das Ziel erfolgreich angegriffen.

Maßnahmen zur Risikoeindämmung

Agentic AI darf nicht als normales Softwaretool behandelt werden. Unternehmen benötigen klare Regeln, technische Kontrollen und transparente Prozesse:

 

 

 

 

  • Unternehmen etablieren dedizierte KI-Richtlinien oder integrieren diese in bestehende Datenmanagement-Richtlinien, indem sie klare Regeln für Dateneingabe und Aufgabennutzung definieren. Statt Verbote setzt ein sicherer Ansatz auf freigegebene Tools und konkrete Anwendungsbeispiele, um die Nutzung privater, unkontrollierter Lösungen zu verhindern.
  • Frameworks: Empfehlenswert als Richtlinie ist das Framework ISO 42001, welches speziell für das Management und die Governance von KI entwickelt wurde, ähnlich wie ISO 27001 für die Informationssicherheit.
  • Anpassen von Geschäftsprozessen: Bereits in der Beschaffung sollte der Onboarding-Prozess für Lösungen neuer Anbieter so angepasst werden, dass direkt abgefragt wird, ob und wie die Tools KI nutzen. Zudem sollten Unternehmen prüfen, ob Anbieter über Optionen verfügen, KI-Funktionen bei Bedarf zu deaktivieren.
  • Schulungen: Regelmäßige Kurse sollten alle Mitarbeiter über die Risiken von LLMs und Agentic AI aufklären. IT-Teams sollten Workshops mit den Fachabteilungen durchführen, um deren spezifischen KI-Gebrauch und die damit verbundenen Risiken zu vermitteln.
  • Technische Leitplanken: Da Angriffe nun mit Maschinengeschwindigkeit erfolgen, müssen Unternehmen auch ihre Defensive stärker automatisieren. In vielen Fällen wird künftig gelten: KI-gestützte Angriffe lassen sich nur mit KI-gestützter Abwehr wirksam bekämpfen. Um das Risiko durch bösartige Skills zu minimieren, sollten Agenten zudem in isolierten Containern laufen, damit sie keinen Zugriff auf das gesamte System haben. Weiterhin sollten Sandboxing, Zugriffsrechtebeschränkung, eine Kontrolle von Agenten auf Unternehmensgeräten sowie Monitoring auf ungewöhnliches Verhalten eingesetzt werden. Auch sollten Unternehmen die Möglichkeit prüfen, Agenten offsite in Rechenzentren zu betreiben.

Fazit: KI-Nutzung ohne Kontrollverlust

Agentic AI revolutioniert die Arbeitsautomatisierung, verändert Cyberangriffe grundlegend und zwingt Unternehmen zu einem neuen Risikomanagement. Erfolgreiche Unternehmen nutzen die Technologie durch strategische, technische und organisatorische Einhegung, statt sie zu verbieten, und behalten dabei stets die Kontrolle.

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