Firewall top, aber das BACnet leckt!

Rechenzentren

TrendAI-Studie deckt blinde Flecken bei der Absicherung von KI-Rechenzentren auf.

Die physische Infrastruktur von KI-Rechenzentren ist tausendfach offen im Internet erreichbar: Experten haben 6.300 ungeschützte Gebäudeleitsysteme nahe US-Rechenzentren entdeckt – das Muster ist auch für Deutschland und Europa relevant.

Zusammenfassung (TL; DR):

  • Eine Untersuchung von TrendAI deckte auf, dass über 6.300 Gebäudeleitsysteme im direkten Umkreis von US-Rechenzentren ungeschützt aus dem Internet erreichbar sind.
  • Besonders betroffen sind moderne, im Zuge des aktuellen KI-Booms hastig errichtete Anlagen, deren kritische Infrastrukturen für Kühlung und Stromversorgung kaum abgesichert wurden.
  • Cyberkriminelle können diese unverschlüsselten Protokolle und bekannten Sicherheitslücken ausnutzen, um Server binnen Minuten gezielt zu überhitzen oder Betreiber physisch zu erpressen.

Rechenzentren mit unterschiedlichen Angriffsoptionen

Rechenzentren
OT-Architektur eines Rechenzentrums: das Purdue-Modell. (Hinweis: Die hier dargestellten BACnet-Zahlen umfassen alle mit hoher Konfidenz identifizierten Geräte auf Port 47808, einschließlich herstelleridentifizierter Geräte. Der dargestellte Anteil von 86% an Gebäudeautomation basiert auf dieser portbasierten Zählung.) (Bild: @TrendAI)

TrendA, der Enterprise-Cybersecurity-Geschäftsbereich von Trend Micro, veröffentlicht den Report „An Invisible Attack Surface: Thousands of Industrial Control Systems Exposed Near Data Centers“. Die Untersuchung zeigt: Während die Server von KI-Rechenzentren mit leistungsstarken Firewalls und Zero-Trust-Architekturen gesichert werden, bleibt eine andere Angriffsfläche oft unbeachtet – die physische Gebäudetechnik, die Kühlung, Stromversorgung und Klimaregelung steuert. Forscher von TrendAI fanden 6.300 solcher Systeme, die frei im Internet erreichbar sind.

Für die Analyse durchsuchten die Threat Researcher Stephen Hilt und Numaan Huq von TrendAI mithilfe der Suchmaschine Shodan systematisch industrielle Steuerungsprotokolle im Umkreis von einem Kilometer um mehr als 1.000 US-Rechenzentren. Sied identifizierten dabei exponierte Gebäudeautomationssysteme (GA) und Industrial-Control-Systeme (ICS), die Kühlung, Stromversorgung und Umgebungsüberwachung steuern.

Auch wenn sich die Untersuchung auf US-Standorte konzentriert, sind die Ergebnisse laut TrendAI auch für Deutschland und Europa relevant: Ein erheblicher Teil des weltweiten Internetverkehrs läuft über genau solche Rechenzentrums-Hubs. Laut Report gehen etwa 70 Prozent des IP-Traffics allein über den US-Cluster „Data Center Alley“ in Virginia. Zudem entstehen KI-Rechenzentren derzeit auch in europäischen Boomregionen wie Frankfurt am Main. Hier sitzt Europas größtem Rechenzentrums-Standort. Die Studie legt nahe, dass genau dieses Bautempo mit dem Ausmaß der gefundenen Sicherheitslücken zusammenhängt.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • 6.300 offen erreichbare Geräte: Im Umkreis von rund 100 der insgesamt 1.063 untersuchten US-Rechenzentren identifizierten die Forscher 6.300 offen im Internet erreichbare Gebäudeleit- und Steuerungssysteme – darunter BACnet-Controller und Niagara-Plattformen.
  • Je neuer, desto exponierter: Rechenzentren, die seit 2021 im Zuge des KI-Booms gebaut wurden, weisen mit 13,1 Prozent eine mehr als doppelt so hohe Expositionsrate auf wie Anlagen vor 2010 (4,9 Prozent). Das liefert einen möglichen Hinweis darauf, dass Baugeschwindigkeit auf Kosten der Absicherung geht.
  • Bekannte, teils kritische Schwachstellen: Auf den gefundenen Geräten läuft Software mit 53 bekannten Schwachstellen (CVEs), einige mit einem CVSS-Höchstwert von 10.0.
  • Hochwertziele für Angreifer: 143 der rund 3.991 identifizierten IP-Adressen fungieren als Multi-Protokoll-Gateways. Sie öffnen mit einem einzigen Zugriffspunkt den Weg zu mehreren Gebäudesystemen gleichzeitig.

Sabotage über Kühlung, Klima und Facility-Zugänge

Konkret können Angreifer über diese Systeme Kühlaggregate abschalten, sodass Server binnen Minuten überhitzen, oder Temperatur- und Feuchtigkeitswerte  manipulieren,. Das führt dazu, dass Hardware außerhalb ihrer Spezifikation läuft. Gezielt ausgelöste Fehlalarme binden wiederum Betrieb und Personal, und geänderte Zugangsdaten können Facility-Mitarbeitende im Ernstfall aussperren.

„Server in Rechenzentren gehören zu den am stärksten geschützten digitalen Umgebungen der Welt. Doch die physische Infrastruktur, die sie am Leben hält, liegt oft fast vollständig außerhalb dieses Schutzes. Wenn ein Angreifer sich Zugriff auf Gebäudesysteme verschafft, hat er einen weiteren Weg, um dasselbe Ziel zu erreichen wie mit einem klassischen Cyberangriff: Dienste offline zu nehmen“, sagt Stephen Hilt, Principal Threat Researcher bei TrendAI.

„Unsere Forscher haben diese 6.300 Systeme allein durch eine passive Internet-Recherche gefunden – ganz ohne Hacking, einfach über eine öffentliche Suchmaschine für internetfähige Geräte. Wenn sich diese Schwachstellen schon so leicht aufspüren lassen, drängt sich die Frage auf, wie es um die Bereiche steht, die von außen nicht einsehbar sind. Wer aktuell in KI-Infrastruktur investiert oder Flächen anmietet, sollte das bei seinem Rechenzentrums-Betreiber aktiv hinterfragen – das gilt für die USA genauso wie für Deutschland und Europa, wo im ähnlichen Tempo gebaut wird“, sagt Udo Schneider, Governance, Risk & Compliance Lead, Europe bei TrendAI.

 

Häufige Fragen (FAQ)

Welches Protokoll ist am häufigsten ungeschützt?

BACnet stellt mit 58 % die größte Schwachstelle dar.

Warum sind neuere KI-Rechenzentren gefährdeter?

Der enorme Zeitdruck beim Aufbau führt zu schlampigen Standardkonfigurationen.

Was ist die gefährlichste physische Folge?

Angreifer können die Kühlung abschalten und Server gezielt überhitzen.

Weitere Inhalte zum Thema

Logo Newsletter IT-Sicherheit

Nichts mehr verpassen!

Mit Klick auf „Newsletter anmelden“ erhalten Sie unseren Newsletter. Die Anmeldung wird erst aktiv, nachdem Sie den Bestätigungslink in der E-Mail angeklickt haben. Datenschutzerklärung