KI-Token auf Graumärkten: Günstig, aber riskant

KI-Token auf Graumärkten: Günstig, aber riskant

Einblick in das Geschäft mit kostenlosen KI-Tokens auf Graumärkten.

Die beiden Sicherheitsforscher Jeremy Kirk und Mathew Woodyard von Okta haben einen Blick auf das Geschäft mit kostenlosen KI-Token für AI-Frontier-Modelle via Graumärkte geworfen. Die beiden fanden mehr als ein halbes Dutzend Anzeigen für solche Dienste in Untergrundforen und auf Messaging-Plattformen. Das macht jedoch nur einen Bruchteil aus.

 Zusammenfassung (TL; DR):

  • Graumärkte für KI-Zugänge boomen, insbesondere in China. Sie bieten ausgenutzte Testphasen Rabatte von 70 bis 90 Prozent auf US-amerikanische Frontier-Modelle an.
  • Neben Sicherheitsrisiken durch die Weitergabe von Prompts an Proxy-Betreiber fordern Sicherheitsforscher von Okta die Ablösung statischer API-Schlüssel durch OAuth 2.0 sowie eine Passkey-Pflicht zur Bekämpfung von Bot-Missbrauch.
  • Als Maßnahmen gegen die betrügerische Nutzung setzen Anbieter wie Anthropic auf Identitätsüberprüfungen mittels Persona.

Illegaler Markt für KI-Accounts

Der Erfolg von KI-Modellen und deren Kosten führt zu einem Anstieg von Angeboten auf dem grauen und oft illegalen Markt für KI-Accounts. Sowohl die Kosten als auch durch Zugangsbeschränkungen treiben die Nachfrage an. Diese lässt sich auf verschiedene Weise befriedigen. Das kann unter anderem durch betrügerische Kontoregistrierungen geschehen, bei denen häufig kostenlose Testphasen oder Gutschriften ausnutzen lassen.

Anbieter gewähren Rabatte zwischen 70 und 90 Prozent auf die Abonnementpreise. Die Angebote können sich auf Abonnementkonten, eine bestimmte Anzahl von Tokens oder eine bestimmte Anzahl von Prompts beziehen. Bei diesen Paketen lässt sich die zugeteilte Anzahl von Anfragen mit einer unbegrenzten Anzahl von Tokens nutzen. Beliebt sind diese Angebote vor allem in China, deren Nutzer zumeist keinen direkten Zugriff auf die aktuellen US-amerikanischen AI-Frontier-Modelle erhalten.

Anthropic gegen Graumärkte

Im September 2025 ging Anthropic gegen den boomenden Graumarkt vor, indem es Einschränkungen für Tochterunternehmen verhängte, die Dienste in nicht unterstützten Regionen wie China anbieten. Dennoch floriert der Markt, was unter anderem auf betrügerische Registrierungen zurückzuführen ist. Die chinesischsprachigen Angebote scheinen zahlreicher zu sein und ein größeres Ausmaß zu haben als die kleineren, englischsprachigen Angebote von Cyber-Kriminellen. Sie sind auf Messaging-Plattformen und in Untergrundforen zu finden und in GitHub-Repos ausführlichen indexiert.

Der ChinaTalk-Blog untersuchte diese chinesisch sprachigen API-Dienste auf dem Graumarkt, die als „Transfer“- oder „Relay“-Stationen bezeichnet und auf Messaging-Diensten wie Taobao und Telegram beworben werden. Die Anbieter haben ausgefeilte Abläufe entwickelt, bei denen KI-Gateways und Online-Verfügbarkeitsüberwachungsdienste zum Einsatz kommen.

Seriöse Anbieter von KI-Modellen versuchen, betrügerischen Registrierungen entgegenzuwirken. Im April 2026 gab Anthropic bekannt, dass es das ID-Verifizierungssystem  „Persona“ zur Überprüfung einiger neuer Konten einsetzt. Dazu ist die Vorlage eines amtlichen Ausweises und eines Live-Selfies (Echtzeit-Aufnahme zur Überprüfung einer Identität) erforderlich. Um die Verbreitung von Proxy-Diensten für den chinesischen Markt zu verfolgen, entwickelte Anthropic ein Fingerprinting-System zur Erkennung von Kontomissbrauch in asiatischen Zeitzonen, das jedoch entfernt werden soll, da das Unternehmen angab, eigene Erkennungsmethoden entwickelt zu haben.

“Poison Claude” und “Ecomagent”

In dem Blogpost von Okta werden zwei Beispiele für solche Graumärkte genannt: “Poison Claude” und “Ecomagent”. Beide Plattformen bieten eine Vielzahl von Services an, um die kostenlosen Token nutzen zu können. Dazu zählen:

  • Leistung: Einige Angebote nutzen möglicherweise KI-API-Gateways, wie LiteLLM oder OpenRouter, um eine Verbindung zu einer Vielzahl von Modellen verschiedener Anbieter herzustellen, was dazu beiträgt, Unterbrechungen zu minimieren, falls Konten aufgrund von Missbrauch gesperrt werden.
  • Betriebssicherheit: Wenn der KI-Modell-Proxy-Dienst nicht die tatsächliche Ursprungs-IP weiterleitet, dient er illegalen Kunden als Möglichkeit, ihre Identität zu verbergen. Wenn der illegale Anbieter die Proxy-Verbindung auf ausgeklügelte Weise herstellt, kann der Kunde möglicherweise der Aufdeckung entgehen.
  • Datenschutz bei Zahlungen: Diese Dienste akzeptieren Krypto-Währungen, was ein höheres Maß an Datenschutz bieten kann als andere Zahlungsoptionen. Viele Anbieter verlangen keine persönlichen Daten für die Erstellung von Konten.
  • Kundenservice: Illegale KI-Anbieter bieten unter Umständen Support an, wenn ein Konto gesperrt oder der Dienst unterbrochen wurde.

Es gibt natürlich auch “Nachteile”

Allerdings listen die beiden Forscher auch eine Reihe von Nachteilen auf, die bei der Nutzung von kostenlosen Token-Angeboten von Graumärkten entstehen.

  • Operationelle Sicherheit: Der Graumarkt bietet zwar im Vergleich zu Direktkäufen eine gewisse Sicherheit für den Betrieb, doch dies ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn Dienste als Gateway-Proxy konfiguriert sind, hat der Dienstanbieter vollständigen Einblick in die Eingabeaufforderungen. Sie müssen an ein Modell weitergeleitet werden, was Datenschutzbedenken aufwirft, da der Dienstanbieter versehentlich Daten preisgeben oder verkaufen könnte.
  • Störungen: Modellanbieter können Konten unerwartet sperren, wenn die Kontrollen zur Verhinderung betrügerischer Konten verschärft werden, was komplexe Arbeitsabläufe stört.
  • Lockvogelangebot: Dienstleister werben möglicherweise mit dem Zugang zu einem „Frontier-Modell“, liefern aber ein kostengünstigeres, weniger leistungsfähiges Modell, was beim Kauf vielleicht nicht erkennbar ist.
  • Eingabeaufforderungen gegen Barzahlung: Graumarkt-Dienstleister haben einen Anreiz, als Zwischenhändler zu agieren. Selbst wenn es möglich wäre, Eingaben und Ausgaben mit Zero-Knowledge-Verschlüsselung weiterzuleiten, würde ein Graumarkt-Dienstleister die Möglichkeit verlieren, Telemetriedaten über seine Nutzer zu sammeln und „Frontier-Modelle“ zu extrahieren. Diese Quelle für Eingabeaufforderungen wird von ChinaTalk aber als wichtige Quelle für zusätzliche Einnahmen genannt. Nutzer können sich also nicht darauf verlassen.

Der Missbrauch führender KI-Modelle durch kostenlose Token-Angeboten boomt, nicht nur auf einschlägig bekannten Darknet-Foren, also dem Schwarzmarkt, sondern auch auf Graumärkten. Beliebt scheinen diese Angebote vor allem in ausgesperrten Ländern wie China zu sein.

Angreifer erstellen aus verschiedenen Gründen gefälschte Konten

Wie bereits erläutert, gehört dazu das Ausnutzen von Werbeaktionen für Neukunden, aber es gibt noch viele weitere Gründe: das „Altern“ von Konten, um diese legitim erscheinen zu lassen, das Überlasten von Systemen, um echte Nutzer zu blockieren, betrügerische Social Engineering-Methoden sowie das Ermitteln gültiger Benutzernamen als Sprungbrett für Credential Stuffing, Phishing und Spam.

 

 

Warum boomen Graumärkte für KI-Zugänge und wer ist die Hauptzielgruppe?

Der Boom wird durch hohe offizielle Nutzungskosten und geografische Zugangsbeschränkungen angetrieben. Hauptzielgruppe sind Nutzer in Ländern wie China, die keinen direkten Zugriff auf US-amerikanische Frontier-Modelle haben. Anbieter locken dort mit Rabatten von 70 bis 90 Prozent, indem sie kostenlose Testphasen und Startguthaben betrügerisch ausnutzen.

Welches gravierende Datenschutzrisiko gehen Nutzer ein, die diese billigen Graumarkt-Proxys verwenden?

Da die Dienste als Gateway-Proxy geschaltet sind, hat der illegale Betreiber vollständigen Einblick in alle Prompts (Eingabeaufforderungen). Diese sensiblen Daten können abgefangen, analysiert oder weiterverkauft werden – zudem besteht das Risiko des „Lockvogelangebots“, bei dem heimlich ein minderwertigeres KI-Modell statt des Frontier-Modells bereitgestellt wird.

Mit welchen technischen Maßnahmen versuchen KI-Anbieter und Sicherheitsforscher, diesen Kontomissbrauch zu stoppen?

Anbieter wie Anthropic nutzen das ID-Verifizierungssystem „Persona“, das einen amtlichen Ausweis und ein Live-Selfie verlangt. Sicherheitsforscher von Okta fordern zudem den konsequenten Ersatz von statischen API-Schlüsseln durch OAuth 2.0 sowie eine strikte Passkey-Pflicht, um automatisierte Registrierungen durch Bots wirksam zu verhindern.

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