Digitale Souveränität: Sayonara, US-Abhängigkeit: Wie Japan unsere IT rettet

Dirk Arendt,    |
Digitale Souveränität: Sayonara, US-Abhängigkeit: Wie Japan unsere IT rettet

Digitale Souveränität durch japanische Partner.

In deutschen IT-Abteilungen ist die digitale Souveränität vom Leitbild zur konkreten Arbeitsaufgabe geworden – um auch unter geopolitischen und regulatorischen Verschiebungen handlungsfähig zu bleiben. Genau deshalb lohnt der Blick auf japanische Tech-Anbieter: Sie verbinden EU-kompatiblen Datenschutz, eine stabile geopolitische Position und eine „Security & Compliance by Design“-Denke zu einer praxistauglichen Alternative zu US-Konzernen.

Zusammenfassung (TL; DR):

  • 81 Prozent aller deutschen Unternehmen sind abhängig vom Import digitaler Technologien und Leistungen aus den USA.
  • Vertrauen ist bei der Auswahl von Anbietern ein entscheidendes Kriterium.
  • Japan gilt für Deutschland als „enger Wertepartner“, die Bundesregierung betont im Koalitionsvertrag eine „umfassende strategische Partnerschaft“.

Eine Bitkom-Befragung verdeutlicht die politischen, regulatorischen und operativen Abhängigkeiten deutscher Unternehmen: 81 Prozent sind abhängig vom Import digitaler Technologien und Leistungen aus den USA. Gleichzeitig fordern praktisch alle, Deutschland müsse unabhängiger werden. Dabei ist es wichtig, Souveränität nicht als Autarkie misszuverstehen: Abschottung ist in unserer digitalen, vernetzten Welt weder realistisch noch sinnvoll. Souverän ist, wer selbstbestimmt entscheiden kann – also im Risikofall handlungsfähig bleibt, Alternativen hatJund die eigene IT so aufstellt, dass sie auch bei veränderten Rahmenbedingungen funktioniert.

In der Praxis führt das zu zwei Aufgaben: Lieferketten diversifizieren – anstatt Monokulturen zu verfestigen – und Sicherheits- sowie Compliance-Anforderungen so integrieren, dass Regulierung nicht zum Dauerstress wird. Neben europäischen Anbietern kann Japan eine häufig unterschätzte Option sein.

Vertrauen als hartes Kriterium in der Supplier-Strategie

Vertrauen ist bei der Auswahl von Anbietern ein entscheidendes Kriterium. Laut Bitkom halten 94 Prozent der Unternehmen Vertrauen in die Politik des Partnerlandes für wichtig. Zugleich geben 50 Prozent an, faktisch keine Abwehrmöglichkeit zu haben, wenn sie von ausländischen Partnern oder Regierungen unter Druck gesetzt würden. Das ist der Kern digitaler Abhängigkeit: Nicht die Nutzung externer Technologie an sich ist das Problem, sondern fehlende Wahlfreiheit im Ernstfall. Da deutsche Unternehmen sich seit Jahrzehnten technologisch überwiegend auf US-Anbieter verlassen, hat die rapide Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen eine hektische Suche nach Alternativen ins Rollen gebracht.

Hier kommt Japan ins Spiel, das im Vertrauensranking deutscher Unternehmen auf Platz zwei liegt – nach der EU. Japan gilt für Deutschland als „enger Wertepartner“, die Bundesregierung betont im Koalitionsvertrag eine „umfassende strategische Partnerschaft“. Als G7-Mitglied steht Japan für ein offenes, regelbasiertes Umfeld. Auch wirtschaftlich ist die Verbindung nicht zuletzt durch das Freihandelsabkommen mit der EU seit 2019 eng. Die Stabilität zeigt sich zudem in der Geschäftspraxis: Laut der Geschäftsklimaumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan und KPMG Deutschland nennen 95 Prozent deutscher Unternehmen die wirtschaftliche Stabilität Japans als Vorteil; 93 Prozent loben belastbare und verlässliche Geschäftsbeziehungen.

Datenschutz auf EU-Niveau

Für deutsche Unternehmen entscheidet sich Partnerschaftsfähigkeit oft am Datenschutz. Der entscheidende Punkt: Die EU-Kommission hat 2019 per Angemessenheitsbeschluss anerkannt, dass Japan ein mit der EU vergleichbares Datenschutzniveau gewährleistet. Damit können personenbezogene Daten aus der EU ohne zusätzliche Schutzmechanismen nach Japan übermittelt werden. Das ist ein praktischer Hebel: weniger juristische Zusatzkonstruktionen, klarere Risikoabwägung, bessere Planbarkeit im Betrieb.

Im Juli 2024 verabschiedeten die EU und Japan zudem ein Abkommen über den grenzüberschreitenden Datenverkehr, das die digitale Zusammenarbeit noch weiter erleichtert, indem es mögliche territoriale Speicher- und Verwaltungsanforderungen aufhebt. Für IT-Teams vergrößert das den Spielraum bei Architekturentscheidungen, da es ihnen erspart bleibt, Compliance nachträglich auf bestehende Systeme aufsatteln zu müssen.

Keine staatliche Zugriffspflicht für digitale Souveränität

Digitale Souveränität wird sichtbar, wenn Rechtsräume kollidieren. So sind amerikanische Anbieter unter bestimmten Voraussetzungen verpflichtet, Kundendaten nach Aufforderung staatlicher Stellen an diese herauszugeben. Für europäische Organisationen bedeutet diese Regelung ein hohes Governance-Risiko, das in Lieferantenbewertungen zunehmend Gewicht bekommt.

Im Gegensatz dazu gibt es in Japan keine Überwachungsgesetze wie den US Cloud Act, die den Datenschutz aushebeln, indem sie staatliche Datenzugriffe ermöglichen. Dies ist ein entscheidender rechtlicher Vorteil: Es reduziert das Risiko politisch motivierter Eingriffe, stärkt das Vertrauen und erweitert die Handlungsfreiheit bei der Auswahl von Anbietern und Betriebsmodellen.

Vertrauensarchitektur: Security & Compliance by Design

Ein Punkt wird in der Debatte oft unterschätzt: Souveränität ist ohne Cybersicherheit nicht erreichbar. Nur sichere Technologien und Infrastrukturen ermöglichen ein selbstbestimmtes Handeln. Wer dauerhaft unter Druck einer verschärften hybriden Bedrohungslage steht, verliert Spielraum – strategisch wie operativ.

Viele japanische Unternehmen verfolgen eine „Security & Compliance by Design“-Philosophie: Diese beinhaltet transparente Lieferketten, hohe Qualitätsstandards sowie auditierbare Prozesse. Gerade für KRITIS und regulierte Branchen sind solche Eigenschaften zentrale Kriterien, um digitale Souveränität überhaupt realisieren zu können. Das japanische National Cybersecurity Office (NCO) hat eine Secure-by-Design-Leitlinie mitunterzeichnet, die erstmals 2023 von der amerikanischen Cybersecurity-Behörde CISA gemeinsam mit 17 internationalen Partnern veröffentlicht wurde, darunter auch das deutsche BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik). Diese gemeinsame Empfehlung fordert Softwarehersteller nachdrücklich dazu auf, Produkte so zu designen und zu entwickeln, dass sie von vornherein sicher konzipiert sind.

Mehr Wahlfreiheit durch belastbare Partnerschaften

Digitale Souveränität entsteht nicht durch ideologische Entweder-oder-Debatten, sondern durch eine nüchterne Kombination aus Diversifizierung und höherer Cybersicherheit. Unternehmen stärken ihre Handlungsfähigkeit, wenn sie Abhängigkeiten reduzieren, Alternativen realistisch aufbauen und Technologien so auswählen, dass Wechsel- und Ausweichoptionen bleiben.

Japan erweist sich dabei als eine wertvolle Ergänzung zu europäischen Anbietern. Ein mit der EU vergleichbares Datenschutzniveau, politische Stabilität und ein starkes Qualitäts- und Compliance-Verständnis schaffen verlässliche Rahmenbedingungen. Gerade im Bereich Cybersicherheit können japanische Anbieter dazu beitragen, einseitige Abhängigkeiten zu verringern, ohne Sicherheitsniveau oder regulatorische Anschlussfähigkeit zu kompromittieren.

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