Warum kritische Lieferketten wieder Chefsache werden

Die kritische Lieferkette als Chefsache

Die kritische Lieferkette als Chefsache.

Der aktuelle Prewave-Report „Magnetic West“ zeigt, warum das Risiko der Lieferkette weniger bei den Seltenen Erden selbst oder deren Abbau liegt. Es liegt vielmehr in den industriellen Verarbeitungsschritten danach: Separation, Raffination, Metallisierung, Legierung und Magnetproduktion. „Magnetic West“ liefert Strategien, wie diese Abhängigkeit reduziert werden kann.

Zusammenfassung (TL; DR):

  • Der Prewave-Report „Magnetic West“ belegt, dass Europas Abhängigkeit von China bei Permanentmagneten auf tieferen Zulieferstufen (Tier 5) über 81 Prozent beträgt.
  • Doch  das eigentliche Risiko liegt in den nachgelagerten Verarbeitungsschritten statt beim Rohstoffabbau.
  • Da sich alternative Kapazitäten im Westen nur langsam entwickeln, müssen Unternehmen zur Resilienzsteigerung ihre Lieferketten bis in die tiefen Stufen analysieren. Aufgrund begrenzter Alternativen ist eine kurzfristige Entkopplung unrealistisch, weshalb eine strategische Neuausrichtung der Lieferketten notwendig ist.

Die G7 wollen ihre Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern bei kritischen Mineralien verringern. Dafür möchten sie ihre Lieferkette, Lagerhaltung und Investitionen enger koordinieren. Für Einkaufsabteilungen ist das ein klares Signal: Kritische Rohstoffe und Vorprodukte sind längst kein Spezialthema mehr, sondern Teil strategischer Risikoplanung. Ein besonders sensibler Fall sind Permanentmagnete. Sie erzeugen ohne dauerhafte Stromzufuhr ein Magnetfeld und stecken in Elektromotoren, Windkraftanlagen, Robotik, Sensorik und vielen Industrieanwendungen. Besonders leistungsfähige Varianten basieren häufig auf Seltenen Erden wie Neodym, Praseodym, Dysprosium oder Terbium.

 Das Risiko beginnt dort, wo Transparenz endet

Auf Tier-1-Ebene wirkt Europas Magnet Lieferkette diversifiziert. Auf Tier-5-Ebene allerdings sind mehr als 81 Prozent der untersuchten Unternehmen mit chinesisch dominierten Permanentmagnet-Ökosystemen verbunden. Diese Diskrepanz macht Permanentmagnete zu einem der am schwersten erkennbaren Lieferkettenrisiken der europäischen Industrie. Während direkte Zulieferer nur selten auf China verweisen, steigt die Exposition über die vorgelagerten Lieferantenstufen von 0,6 Prozent auf Tier 1 auf 17 Prozent auf Tier 2, 61 Prozent auf Tier 3, 78 Prozent auf Tier 4 und mehr als 81 Prozent auf Tier 5.

Die Ergebnisse verdeutlichen ein grundsätzliches Problem vieler Resilienz-Strategien: Eine Lieferkette wirkt häufig diversifiziert, weil Unternehmen vor allem ihre direkten Zulieferer kennen. Die eigentlichen Konzentrationsrisiken liegen jedoch oft mehrere Stufen höher in der Wertschöpfungskette. Dort bündeln sich Rohstoffströme, Verarbeitungsprozesse und technologische Kompetenzen häufig bei einer vergleichsweise kleinen Zahl von Akteuren.

Für die Industrie im DACH-Raum ist diese verdeckte Abhängigkeit von Permanentmagneten aus China besonders relevant. Deutschland, Österreich und die Schweiz vereinen eine hohe Dichte an Automobilherstellern, Zulieferern, Maschinenbauunternehmen, Automatisierungsspezialisten und industriellen Exporteuren. Viele dieser Branchen zählen zu den zentralen Anwendern von Permanentmagneten – in E-Antrieben, Servomotoren, Robotik, Sensorik, Windkrafttechnik und Präzisionssystemen.

Der eigentliche Engpass liegt nicht im Bergbau

Die öffentliche Diskussion über Seltene Erden konzentriert sich häufig auf Rohstoffvorkommen. Tatsächlich sind Seltene Erden keineswegs ausschließlich in China verfügbar. Bedeutende Reserven existieren unter anderem in Australien, Nordamerika, Europa, Brasilien und verschiedenen afrikanischen Staaten. Der entscheidende Engpass liegt daher nicht in der Geologie, sondern in der industriellen Verarbeitung.

Zwischen dem Abbau von Seltenen Erden und dem fertigen Permanentmagneten liegen zahlreiche hochspezialisierte Prozessschritte. Dazu gehören die Trennung und Reinigung der einzelnen Elemente, die Raffination, die Metallisierung, die Herstellung von Legierungen sowie die eigentliche Magnetproduktion. Insbesondere die Verarbeitung schwerer Seltener Erden wie Dysprosium und Terbium gilt als technisch anspruchsvoll, kapitalintensiv und ökologisch herausfordernd.

Während viele westliche Volkswirtschaften diese Produktionsstufen über Jahrzehnte ausgelagert haben, investierte China systematisch entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dadurch entstanden nicht nur Produktionskapazitäten, sondern auch technologische Expertise, industrielle Cluster, Lieferantenbeziehungen und Prozesswissen, die heute nur schwer reproduzierbar sind.

Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Konzentration industrieller Kapazitäten. Heute entfallen rund 90 Prozent der weltweiten Raffineriekapazitäten für Seltene Erden sowie 85 bis 90 Prozent der globalen Permanentmagnetproduktion auf China. Hinzu kommt die dominante Stellung bei der Verarbeitung schwerer Seltener Erden, die für zahlreiche Hochleistungsanwendungen unverzichtbar sind.

Das strategische Risiko entsteht also nicht primär durch Rohstoffknappheit, sondern durch die Konzentration industrieller Fähigkeiten.

 Warum die „Vietnam-Lücke“ keine echte Diversifizierung geschaffen hat

Vietnam gilt als Blaupause erfolgreicher Diversifizierung: Eigene Rohstoffvorkommen, wachsende Fertigungskapazitäten und die Einbindung in asiatische Industrielieferketten machten das Land zu einer vermeintlich attraktiven Alternative. Tatsächlich hat sich häufig nur die Endfertigung verlagert. Die vorgelagerten Verarbeitungsstufen dagegen blieben eng mit chinesischen Lieferanten verknüpft; Unternehmen in Vietnam beziehen weiterhin Rohstoffe, Zwischenprodukte oder technologische Vorleistungen aus China. Gleichzeitig expandieren chinesische Unternehmen selbst nach Vietnam und begleiteten damit die geografische Verlagerung ihrer Kunden.

In Vietnam ist also kein alternatives Ökosystem entstanden, sondern lediglich ein neuer geografischer Zugang zur bestehenden chinesischen Wertschöpfungskette.

 Alternativen entstehen – aber nur langsam

Aktuell entstehen außerhalb Chinas neue industrielle Ökosysteme. Unternehmen in Australien, Nordamerika und Europa investieren zunehmend in Bergbau, Raffination, Metallverarbeitung, Magnetproduktion und Recycling. Diese Entwicklungen markieren den ersten ernsthaften Versuch seit Jahrzehnten, eigenständige Kapazitäten entlang der Wertschöpfungskette für Seltene Erden und Permanentmagnete aufzubauen. Dennoch befinden sich viele Projekte noch in frühen Entwicklungsphasen.

Besonders die Verarbeitung schwerer Seltener Erden bleibt ein kritischer Engpass. Die derzeit geplanten Projekte werden das globale Versorgungsgleichgewicht aber voraussichtlich frühestens 2027–2030 wesentlich verändern können. Eine kurzfristige Entkopplung von China erscheint unrealistisch.

Lieferkette: Resilienz statt Entkopplung

Für den Moment müssen Unternehmen zunächst ihre Abhängigkeiten besser verstehen. Dazu gehören insbesondere die Analyse von Tier-n-Lieferantenstrukturen, die frühzeitige Qualifizierung alternativer Anbieter, die Verringerung des Einsatzes kritischer Materialien wie Dysprosium und Terbium sowie die aktive Beteiligung an entstehenden nicht-chinesischen Wertschöpfungsnetzwerken.

Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, neue Rohstoffquellen zu erschließen. Entscheidend wird sein, ob und wie schnell Europa eigene industrielle Kapazitäten für Separation, Raffination, Metallisierung und Magnetproduktion aufbauen kann. Bis dahin bleibt ein zentraler Teil der industriellen Transformation von Lieferketten abhängig, auf die Europa nur begrenzten Einfluss habt.

Über den Report: Der neue Prewave-Report „Magnetic West“ untersucht die Abhängigkeit der europäischen Lieferkette von chinesisch dominierten Wertschöpfungsketten für Seltene Erden und Permanentmagnete. Grundlage der Analyse ist eine Tier-n-Netzwerkauswertung des Prewave Supply Chain Graph, in der 169 große europäische Unternehmen aus den besonders relevanten Sektoren Automobilindustrie, Energie, Chemie, Advanced Manufacturing und Verteidigung betrachtet wurden. Das Ergebnis: Die Abhängigkeit Europas von chinesischen Permanentmagnet-Ökosystemen ist deutlich größer, als klassische Lieferantenanalysen vermuten lassen.

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